Hans Wissel in der Zeit des Nationalsozialismus

Hans Wissel entwarf 1934 ein monumentales SA-Ehrenmal, das 1936 eingeweiht wurde. In Größe und Darstellung entsprach es ganz dem von den Nationalsozialisten propagierten Monumentalstil.

 

Zwei Werke von Hans Wissel wurden 1937 als entartet beschlagnahmt. Es handelt sich zum einen um einen lebensgroßen getriebenen Kopf, der in einer Ausstellung der Mannheimer Kunsthalle gestanden hat. Außerdem wurde in der Nationalgalerie Berlin ein in Kupfer getriebener, lebensgroßer, weiblicher Torso mit Kopf als entartet beschlagnahmt. Ihn kaufte der Kunsthändler Bernhard A. Böhmer auf. Nach dem Krieg wurde die Plastik in seinem Nachlass gefunden und wieder der Nationalgalerie zurückgegeben. (Siehe: Ein Händler "entarteter" Kunst: Bernhard A. Böhmer und sein Nachlass, S.224, Herausgegeben von Meike Hoffmann, Akademie Verlag Berlin 2010. (Link) )

Hans Wissel schrieb (Brief in Privatbesitz) dazu am 12.3.1941: „Meine besten Arbeiten meiner früheren Metallplastiken sind nun also als entartet beschlagnahmt. Ich muss sagen, dass ich in der Sammlung der Entarteten nicht schlecht vertreten bin.“

Von 1939 bis 1945 nahm Hans Wissel als Soldat und Sanitäter am Zweiten Weltkrieg teil, wobei er über längere Zeiträume für wichtige Aufträge freigestellt wurde. Einen authentischen Eindruck von seiner Lage als Künstler in dieser Zeit erhält man aus Briefen (Im Privatbesitz) an eine Freundin der Familie. Darin findet man folgende Zeilen:

13.2.1940: „So durchtrauere und durchwache ich die Tage; bevor der Schlaf kommt, gehen dann die Gedanken in alle Weiten. Ich fühle mich sehr einsam trotz der guten Kameradschaft unter uns; …. Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Wenn ich zurückkomme werde ich, glaube ich, still in sich ruhende Frauentorsen schaffen. Meine Arbeit? Ich glaube, dass ich mich auf Monate sammeln muss, bevor ich beginnen kann.“

18.11.1940: „Sonst weiß ich, dass ich zu schwach vertreten bin, nicht nur in dem Buch, sondern im Allgemeinen. Ich möchte noch einmal anfangen und ich werde es auch tun. Einmal war es in den letzten Jahren der Drang, viel zu verdienen, und zum anderen fehlt mir eine gewisse Erkenntnis. Ich wünsche, dass nur lohnende Aufträge an mich herankommen, lohnend in Bezug auf das Künstlerische. Den Krieg möchte ich vergessen, er brachte mir künstlerisch, wie auch der Weltkrieg, gar nichts. Nirgends habe ich im Krieg einen Punkt gefunden, der mir nur einen Schimmer der leisesten Wärme für meine Arbeit gebracht hätte. Das große Erleben in der Landschaft, das ich manchmal fand, vermochte nicht zu verhindern, dass zutiefst im Inneren sich immer mehr eine Abgestumpftheit festfraß.“

22.5.1941: „Ich selbst befinde mich in einem Zustand, der mich nicht ruhig an meine Arbeit gehen lässt. Vielleicht ist es der Krieg, vielleicht sind es auch die verworrenen Zustände in der Kunst. Ich bin zurzeit in der Jury für die Ostpreußenausstellung; es ist fürchterlich, immer wieder den Stillstand oder den Rückschritt feststellen zu müssen. Die Sache mit der heutigen Kunstäußerung beschäftigt mich ständig; abends ist es mein letzter Gedanke und morgens fühle ich mich belastet. Der Druck will nicht weichen. Die Plastiken und Bilder, die man auf den Ausstellungen sehen möchte, und die, die lebendige Kunst wollen, sind in Verstecken. So fließt nun der billige Brei von Farbe und Form durch die Ausstellungsräume. Es ist entsetzlich kalt und tot. Ich stelle mir die schlechten Ausstellungen um die Jahrhundertwende so vor; damals war es aber noch verständlich. Ich werde vorläufig nicht mehr ausstellen, warum auch? “

Wie Zeitgenossen das Verhältnis Hans Wissels zum Nationalsozialismus einschätzten wird vielleicht dadurch deutlich, dass auf der Gedächtnisausstellung, die im November 1949 in Köln stattfand, der angesehene Kunsthistoriker August Hoff die Eröffnungsansprache hielt. Er wurde 1933 von den Nationalsozialisten aus allen seinen Ämter entlassen und war nun Professor und Direktor der wiedereröffneten Kölner Werkschulen.